Eltern leiden körperlich unter Stress

Eltern-werden und Eltern-sein wirkt sich vielfältig auf die Mutter, den Vater und die ganze Familie aus. Eltern betrachten die Elternschaft einerseits als große Bereicherung – andererseits aber auch als eine Herausforderung, die uns oft an unsere Grenzen bringt. Häufig bestimmt unterschwellige Fremdbestimmung unser tägliches Handeln. Eltern fühlen sich dadurch zunehmend gestresst und überfordert.

In den letzten Jahrzehnten hat die Häufigkeit von Stresssymptomen deutlich zugenommen: Ständige Unruhe, Reizbarkeit, zunehmende Ängste, das Gefühl nicht mehr abschalten zu können, Infektanfälligkeit und Müdigkeit. Das Müttergenesungswerk äußerte sich im letzten Pressebericht darüber: Über 50.000 Mütter bzw. knapp 1.600 Väter und 70.000 Kinder haben 2016 an einer Kurmaßnahme in Deutschland teilgenommen. Mehr als 46.000 führten ihre Kur in einer Eltern-Kind-Klinik und rund 4.000 Mütter in einer Klinik ohne Kinder. 87 % der Mütter und Väter leiden an Erschöpfung, Angstzuständen, Schlaf- und Belastungsstörungen.

Fremdbestimmung durch gesellschaftliche Rollenerwartungen

Was wollen uns die Krankheitssymptome sagen? Die Kuratoriumsvorsitzende des Müttergenesungswerkes, Dagmar Ziegler, kennt die Antwort aus gesellschaftspolitischer Sicht:

„…noch immer kämpfen Mütter oft mit der gesellschaftlichen Vorstellung und Erwartung, dass das Mutter-sein glücklich machen muss. Es ist nicht nur der Spagat zwischen Beruf, Haushalt und Familie, sondern vor allem auch ein ständiger Kampf mit vielfältigen Rollenerwartungen und der Frage ‚Bin ich eine gute Mutter?‘ der dazu führt, dass Frauen krank werden.“

Gleichermaßen leiden Väter unter dem gesellschaftlichen Druck der materiellen Absicherung, der Aufrechterhaltung eines angemessenen Lebens- und Bildungsstandards in der Familie und der Identifizierung mit einem „erfolgreichen“ Beruf.

Wie Fremdbestimmung unser Leben dominiert

In Elternzeitschriften, Fernsehberichten, Blogs, Tweets und Erziehungsratgebern begegnen uns zufriedene und strahlende Eltern, die ein makelloses Familien- und Berufsleben suggerieren. Die Erwartung an uns, vermeintlich „gute und glückliche Eltern“ zu sein, kommt vielfältig aus unserem Umfeld von Politik, Medien, den eigenen Eltern, Großeltern, Schwiegereltern, Arbeitgebern und anderen Eltern auf uns zu.

Glücklich zu sein und das Familienleben mit unseren Berufen vereinbart zu bekommen wird oft als Normalfall suggeriert und bringt uns somit unterbewusst in die Pflichterfüllung: Wir fühlen eine unterbewusste Fremdbestimmung, vergleichen uns mit anderen.

Aufrichtige Gefühle der Belastung, Angst, Reue, Hilflosigkeit und Schuld gelten schnell als „unnormal“ und „krank“. Aus Angst vor Demütigungen und Verletzungen unterdrücken wir unsere Gedanken und Berührungen, beginnen im Außen zu schweigen und im Innersten bleiben wir mit unserem Gedankenkarussell allein.

Aber wir sind nicht alleine, da sind noch andere wie wir, die sich fragen: Wem möchten wir gefallen? Lässt uns der gesellschaftliche Anspruch einer glückseligen Elternschaft zu funktionierenden Perfektionisten werden und unser Menschsein verdrängen? Wollen wir unser „pflegeleichtes Verhalten“, welches wir bereits im Kindesalter entwickelt haben, auch heute noch weiterleben?

Richten wir unser Leben mutig nach den veränderten Lebensbedingungen aus

Eltern und Familien befinden sich in Veränderungen, die ihre üblichen Routinen, bisherige Sichtweisen und gut funktionierende Verhaltensmuster mächtig durcheinanderbringen. Vieles ist anders geworden auf körperlicher, sozialer, psychologischer und beruflicher Ebene. Viele von uns haben diese weitreichenden Veränderungen nicht erwartet und ihre Auswirkungen sind nicht vorstellbar.

Ein Teil von Veränderung zu sein, benötigt Mut, Stärke und Selbstvertrauen jedes Einzelnen.

Setzen wir uns mit dem Neuen auseinander, denken in Möglichkeiten, entscheiden, probieren aus, machen Fehler und reflektieren unsere gemachten Erfahrungen. Halten wir bewusst inne und lernen uns kennen: Was kann ich tun? Wie geht es mir? Welche Werte und welchen Sinn leite ich ab? Das ist harte Arbeit, unbequem und zeitraubend.

Wir bleiben lieber bei dem, wie wir es kennen und erfahren haben – in unserer sicheren und komfortablen Zone. Doch mit der Elternschaft ändert sich unser Leben, wir können es nicht aufhalten. Die Frage ist: Welche Gestaltungsmöglichkeiten können wir nutzen?

„Wir haben jeden Tag die Freiheit, uns jene Zukunft zu gestalten, die wir morgen erleben wollen.“ (Heinz von Foerster)

Üben wir uns in Ehrlichkeit und Achtsamkeit mit uns selbst

Wir leben in Superlativen und alles scheint machbar. Wir erlauben uns keine Pausen, versorgen auf Abruf unsere Mitmenschen, sind in dauerhaftem Termindruck, gönnen uns keine Ruhepausen und sind rund um die Uhr erreichbar. Doch: Erreichen und versorgen wir uns noch selbst?

Wir vergessen uns wichtig zu sein und für eigene Einsichten zu sorgen. Zu vermessen erscheint uns der Anspruch auf Zeit für uns selbst.

Wir müssen es uns wert sein. Üben wir uns in einem bewussten Umgang mit uns, indem wir unser Leben, unsere Veränderungen im Zuge der Elternschaft ehrlich betrachten, überdenken und unsere Wünsche wieder wahrnehmen. Nehmen wir Beziehung zu uns auf und horchen auf unser Bauchgefühl. Schütteln wir die Fremdbestimmung ab. Das ist ein erster großer Schritt, um einem fremdbestimmten Leben und dem damit verbundenen Stress entgegenzuwirken.

Ehrlichkeit und Achtsamkeit sind die Grundbausteine, um gesund und zufrieden zu leben. Es liegt an uns, wie wir es gestalten. Wir müssen uns Tag für Tag entscheiden. Legen wir los!